Newsletter Juni 2026

/ Mai 31, 2026

Liebe Lesende,

in Leipzig zeigt sich besonders dramatisch, dass sich der Berufseinstieg für viele junge Akademikerinnen und Akademiker aktuell deutlich schwieriger gestaltet als noch vor einigen Jahren. So hat sich laut einer Presseauskunft der Agentur für Arbeit die Zahl der 25- bis unter 35-Jährigen mit akademischer Ausbildung innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppelt: Lag deren Zahl im April 2022 noch bei rund 1.170 Personen, waren es im April 2026 bereits etwa 2.430 Personen.

Gerade Studierende durchleben im Studium eine oft prekäre Zeit: Sie stehen unter permanentem Leistungsdruck. Hohe Mieten und Umstände wie geringe BAföG-Sätze sowie eine generelle Unterfinanzierung des Hochschulsystems machen vielen Studierenden schon im Studienalltag stark zu schaffen. Nach Jahren der mühevollen Arbeit stellt der nachfolgende Berufseinstieg insbesondere für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen nun eine schier unüberwindbare Hürde dar.

Die uns übermittelten Ratschläge der Agentur für Arbeit – wie die Offenheit zur beruflichen Neuorientierung, zur weiteren Selbstoptimierung und zu jobbezogener Netzwerkpflege – greifen unserer Meinung nach zu kurz. Sie stehen sinnbildlich für einen „neoliberalen Individualismus“, welcher die Lösung einer gesellschaftlichen und politischen Krise ins Private verschiebt und die felxible Anpassung sowie Selbstoptimierung des Individuums als Lösung proklamiert.

Ein Blick in die soziologische Klassiker-Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ zeigt: Massenarbeitslosigkeit birgt das Risiko für eine lähmende Apathie und tiefe Hoffnungslosigkeit. Es droht ein Vakuum, welches insbesondere rechte Gruppen für sich zu nutzen wissen. Das aktuelle Umfragehoch der AfD zeigt die Brisanz der Bedrohung einmal mehr: Nicht nur in Sachsen-Anhalt droht eine absolute Mehrheit.

Vor diesem Hintergrund sind tiefgreifende strukturelle Reformen wichtiger denn je, um den Erfolg der extremen Rechten zu brechen. Durch den Erhalt und die Förderung von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen, von kulturellen Projekten und politischer Bildung sowie durch gezielte Investitionen in Wissenschaft und Forschung müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine langfristige Planbarkeit und Integration von akademischen Fachkräften ermöglichen. Hochgebildete, kritisch-reflektierende Absolvent:innen gilt es zu integrieren und ihre Erkenntnisse über tieferliegende soziale und kulturelle Zusammenhänge in beruflichen Strukturen fruchtbar zu machen – und zwar als das, was sie sind: eines der wirksamsten Mittel gegen rechtsextreme und autoritäre Tendenzen.

Einsendungen für den nächsten Newsletter bitte bis 29.06.2026 an newsletter@engagiertewissenschaft.de

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