chronik.LE: Grußwort zum 20. Geburtstag des Linxxnet am 05.09.2020

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Anlässe wie diesen, an denen wir uns versammeln, um ein langjähriges, erfolgreiches und wünschenswertes politisches Projekt wie das Linxxnet zu feiern, gibt es leider viel zu selten. In aller Regel versammeln wir uns aus der Not heraus. Oft aus der akuten Not dem Schlechten in dieser Gesellschaft etwas entgegen zu setzen: den faschistischen Banden und ihren geistigen bzw. intellektuellen Gewährsmännern, den Verschwörungsideologen und ihrem Fußvolk, den vermeintlichen Herrenmenschen und den Männern, die stets Herr im eigenen Haus und darüber hinaus sein wollen.
Wir versammeln uns immer wieder, um Kritik zu üben an den menschenverachtenden Auswüchsen einer marktförmig und bürokratisch durchorganisierten Gesellschaft. Seien es die rassistischen, sexistischen, antisemitischen, klassistischen und anderen chauvinistischen Zustände, die leider längst zur Normalität gehören, oder die Menschenfeindlichkeit in Form der Verwertungstendenz von Wohnraum.
Und manchmal (wahrscheinlich viel zu selten) versammeln wir uns und entwickeln Haltung(en), die mehr wollen als nur das Schlechte zu benennen & zu kritisieren, sondern darüber hinaus auch das Richtige im Falschen zu tun: solidarisch zu sein, Utopien zu entwickeln und konkret werden zu lassen.
Das Linxxnet ist für Leipzig und darüber hinaus einer der Orte, an denen diese Momente zusammenkommen: Widerstand, Kritik, Haltung(en). Den Geburtstag des Linxxnet feierlich zu begehen, heißt deshalb eine stückweit auch „uns selbst“ zu feiern. Denn wer ist denn DAS Linxxnet, wenn nicht die unzähligen Gruppen & Initiativen, die im Umfeld dieser Plattform für undogmatischen politischen Aktivismus in den letzten Jahrzehnten entstanden sind und die Engagierten und die Interessierten, die das Linxxnet mit Leben füllen. Auch die Gruppe chronik.LE entstand hier (im Jahr 2008), wie viele andere aus der Not heraus. Aus der Not, einer un-informierten Öffentlichkeit und einer verblödeten Lokalpresse ernsthafte Informationspolitik entgegenzusetzen über faschistische Umtriebe und Wissen über alltägliche Menschenfeindlichkeiten zu verbreiten.

Ein Blick in unsere Dokumentation zeigt, dass das Linxxnet als Ort für den hier gelebten Widerstand, für die praktizierte Kritik und die entwickelten Haltungen, immer wieder selbst zum Ziel von Angriffen wurde (ein Auszug):
* Mai 2007: Die Scheiben des Linxxnet werden durch einen Steinwurf stark beschädigt.
* September 2008: Die Scheiben des Linxxnet und zweier benachbarter linker Buchläden werden wiederholt durch Steinwürfe beschädigt.
* November 2008: Durch einen Steinwurf wird ein PKW vor dem Linxxnet stark beschädigt, der dem Projekt zugerechnet wird.
* Dezember 2015: Vermutlich durch Steinwürfe werden die Scheiben des Interim stark beschädigt und müssen komplett ersetzt werden.
* Oktober 2016: Mehrere Steinwürfe treffen ein Plakat in Gedenken an die Opfer des NSU am Linxxnet, die Scheiben werden stark beschädigt.
* Mai 2017: Steinwürfe treffen ein Plakat, dass zur Unterstützung von Geflüchteten aufruft. Wieder werden die Scheiben stark beschädigt.
* 4 Tage später, in der Nacht des 31. Mai 2017 wird mindestens zwei mal mit scharfer Munition auf das Linxxnet geschossen, die Projektile durchschlagen den Türrahmen und eine Scheibe. Zur Zeit des Anschlags hält sich zum Glück niemand in den Räumen auf. (Wenn man weiß wie und wann in unseren Kontexten z.T. gearbeitet wird, kann man hier wirklich von Glück sprechen).
Und als wäre das nicht genug (unzählige Beleidigungen und Bedrohungen, Graffitis und Verunglimpfungen durch die „bürgerliche Öffentlichkeit“ wurden bereits unterschlagen) werden die Scheiben des Interim am 26. Juli 2020 großflächig mit Kot unbekannter Herkunft eingeschmiert.

An der eingangs beschriebenen Notwendigkeit hat sich also substantiell wenig bis sämig geändert, deshalb gibt es Gruppen wie Chronik.LE noch heute und deshalb gibt es Orte wie das Linxxnet noch heute. Doch das Linxxnet – ebenso wie das Interim – ist eben mehr als nur ein Ort: es sind die Gruppen & Initiativen, die hier gegründet wurden, die Menschen die sich hier engagieren, die Interessierten und Betroffenen, die hier Solidarität erfahren, diejenigen die den Laden am Laufen halten und dafür viel zu oft Scheiße fressen und beseitigen mussten. Es ist Widerstand, Kritik, Haltung(en). Ein politisches Prinzip, dass diese Stadt prägt und damit im vor allem eins wird: das Linxxnet wird gelebt. Gelebt gegen die furchtbaren Zustände, die unsere Zeit prägen, seit 20 Jahren.
Mit Marcuse lässt sich abschließend festhalten: Weitermachen, Freundinnen und Freunde! In diesem Sinne: Ein fröhliches Fest!