Editorial: Leipzig, Deine Savannen?

Postkoloniale Gedanken zu Konstruktionen von „Afrika“ heute

Postkoloniale Geister streifen bis heute durch Geschichte und Gesellschaft. Ein Beispiel: Der Leipziger Zoo wirbt mit folgenden Worten für seine tolle Atmosphäre: „Umgeben von der afrikanischen Weite des angrenzenden Rosentals können Sie die Savanne mit landestypischen Speisen und Getränken genießen. [...] Die Lodge ist von einer überdachten Terrasse umgeben, so dass Sie fast das ganze Jahr den afrikanischen Sonnenuntergang im Leipziger Zoo erleben können.“

Dazu schreibt der Autor Binyavanga Wainaina in seinem kritischen Essay "How to Write about Africa": „In your text, treat Africa as if it were one country. [...] People will be put off if you don‘t mention the light in Africa. And sunsets, the African sunset is a must. It is always big and red. […] Wide empty spaces and game are critical - Africa is the Land of Wide Empty Spaces.“

Dass Stereotype und Repräsentationen von ganzen Kontinenten unsere Sprache und unsere Weltsicht prägen, ist keine neue Erkenntnis. Doch trotzdem, gerade in dem Jahr wo in Südafrika die Fußball-WM durchgeführt wird, ist es sinnvoll, sich kritisch mit diesem Bildern und ihrem Rumgeistern in den Medien und in unseren Köpfen auseinander zusetzen. Diese Auseinandersetzung sollte dabei sowohl die Medien selber, wie auch die Rezipient_innen betreffen. Denn beide Konstruktionsarenen können eine Selbstreflexion ihrer Standpunkte und Vorurteile sicher gebrauchen. Der Text „Schreiben Sie so über Afrika!“ von Wainaina könnte dabei ein wichtiges Essential sein, um zu verstehen, wie die Bilder in den vorherrschenden Diskurs eingeschrieben sind. Diese Geister gilt es zu vermeiden.

Dass Leipzig eine afrikanische Savanne hat und wir hier einen afrikanischen Sonnenuntergang genießen können, ist einerseits einfach nur komisch. Sicher könnten wir spotten: „Wenn beim Klärwerk die rote Sonne in der Luppe versinkt“ - dann fühle ich mich wie auf Capri ;-). Leipzig ist dann nicht „Afrika“, sondern es wird ein Klischee reproduziert, dass wir verlachen und von uns weisen können.

Andererseits erinnert diese Idee einer realen Repräsentation von „Afrika“ hier in Leipzig an eine Analyse, die der Wissenschaftler Timothy Mitchell in seinem Artikel „Die Welt als Ausstellung“ formuliert. Seine These ist, dass in der Zeit der ersten Weltausstellungen (im 19. Jahrhundert) nicht nur die Welt in diesen Ausstellungen sozusagen im Kleinen abgebildet worden ist. Die Ordnung der Welt wurde in und durch diese Ausstellungen erzeugt.
Er geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass die gesamte Welt, wie der (post)koloniale Westen sie wahrnimmt (in seinem Fall sind es vor allem europäische Kontexte), durch die Menschen selbst als Ausstellung verstanden wird. Die Welt ist eine einzige Ausstellung, durch die wir uns bewegen und die wir als solche wahrnehmen, so Mitchells Gedanke. Dass heißt auch, Realität und Repräsentation schieben sich zu einem Bild zusammen, sind nicht mehr unterscheidbar. Das scheint auch in unserem Leipziger Zoobeispiel der Fall zu sein. Afrika ist Leipzig und die Savanne ist das Rosental. Die Welt wird hier zugleich ausgestellt und hergestellt. Und die Simulation ist die Realität, wie es Jean Baudrillard vielleicht formulieren würde. Ein spannender, wie verwirrender Gedanke zugleich, der nicht zuletzt das Fortwirken der postkolonialen Geister zeigen kann.

Es gibt also noch viel zu entdecken und kritisch zu hinterfragen: In Leipzig, in unseren Köpfen, in der Welt. Die Ausstellung ist geöffnet – täglich, 24 Stunden lang. Herzlich Willkommen!

Stefan Kausch
[Der Autor bedankt sich ganz herzlich bei Elena Buck und Sarah Lempp für Beispiele und Ideen zu diesem Editorial]